20.3.2023 Jüdischer Friedhof Weißensee

Montag, 20.3.2023 

Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter von der Suppenküche der Franziskaner in Pankow (Motto: Überleben ist eine Kunst - Wir unterstützen die Künstler), ehemaliger Geschichtslehrer, hat zu einem Rundgang über den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee eingeladen und wir haben uns gerne der kleinen Gruppe angeschlossen. Es ist der flächenmäßig größte Friedhof in Europa. Angelegt wurde er in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts, weil der alte Friedhof in der Schönhauser Allee zu klein geworden war. Nach jüdischem Brauch werden Grabstätten nämlich nicht aufgelöst, sondern bestehen "ewig".

Der Eingangsbereich erinnert im Baustil an die italienische Renaissance. 


 

 Unmittelbar nach dem Eingang befindet sich die Holocaustgedenkstätte mit einer Urne von Asche aus Auschwitz, die Namen der andere Konzentrationslager sind rundum aufgezählt.

 

In der Eingangshalle ein schlichter Stein, der an die Grundlage der jüdischen und christlichen Religion erinnert.


Die Menge der Grabmal auf dem Friedhof ist nicht zu überschauen, ca. 116.000 sollen es sein. Mitarbeiter der Humboldt-Universität haben in jahrelanger Arbeit einen digitalen Lageplan des Totenregisters erstellt und so ist es heute möglich, den Angehörigen aus aller Welt, die den Friedhof besuchen, exakt zu sagen, wo ihre Vorfahren begraben liegen.

Die Gestaltung des Grabmale gleicht einer Zeitreise vom Kaiserreich bis in die Jetztzeit.

Es ist wohl weder genug Kapital noch Personal vorhanden, um alle zu erhalten, und so entsteht mancherorts eine ganz besondere Atmosphäre von "vergänglicher Ewigkeit".

Als der Friedhof 1880 eröffnet wurde, war gerade ein Kaiserreich in Deutschland gegründet wurden, und die Grabmale aus jener Zeit entsprechen dem wuchtigen Stil, der damals in Mode war. Aber auch diese erliegen allmählich dem steten Wuchern des Efeus, wenn kein Mensch eingreift.

 

Ein Grabmal fällt mir wegen des Familiennamens und Berufs besonders auf: Leonhard Emil Bach, Komponist, Hofpianist in Preußen und Lehrer an der Guildhall Music-School in London. Eine Verwandtschaft mit Johann Sebastian habe ich bei meinen Recherchen aber nicht finden können. Hier eine rührend dilletantische Aufnahme eines seiner Klavierwerke

Das größte Grabmal auf dem Friedhof und vermutlich in ganz Berlin ist fast schon ein Mausoleum. Das hat sich Sigmund Aschrott bauen lassen. Er hat u.a. die Leinenherstellung in Kassel industrialisiert und später mit dem verdienten Geld zahlreiche Immobilien erworben und sich sogar als Stadtplaner  und -entwickler betätigt. Der "Vordere Westen" in Kassel, heute ein sehr beliebter Stadtteil, ist z.B. von ihm begründet worden. Später war er auch als Heereslieferant für die preußische Armee tätig. Aber auch damals gab es schon Missgunst, Neid und Antisemitismus, und so hat es lange gedauert, bis er endlich für seine Verdienste um den preußischen Staat geehrt wurde. Das Ende seines Lebens hat er in Berlin verbracht. Sein Grabmal wurde von demselben Architekten entworfen, der u.a. auch das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hat.

 
 
Ganz im Gegensatz zum kalten preußischen Prunk steht dieses bezaubernde Jugenstil-Grabmal. Dem liegt eine tragische Geschichte zu Grunde. Es wurde von dem Industriellen Carl Leopold Netter  und dem mit ihm verschwägerten Apotheker Dr. Jacob Lewinsohn gestiftet, nachdem ihre jungen Frauen Clara Bloch und Cecilie Netter 1893 nach dem Genuss verdorbener Austern gestorben waren.

 

Etwas weiter hinten im Friedhof finden sich Reihen schlichter Grabplatten. Sie erinnern an die zahlreichen jüdischen Soldaten, die im ersten Weltkrieg im preußischen Heer gedient haben. Die auf den Grabstein gelegten Steine im unteren Bild zeigen, dass es noch von jemanden besucht wird, der nach jüdischem Brauch das Andenken bewahrt.

 
 
 
Der Grabstein des Ehepaars Apolant fällt vor allem durch seinen Baustil auf. Hier stand eindeutig das Bauhaus Pate. Die Ehefrau Jenny, geborene Rathenau, war übrigens eine Cousine des von Rechtsradikalen 1922 ermordeten Reichsaußenministers Walter Rathenau.
 
Es gibt noch viele andere bekannte Namen. Hier ruhen z.B. die Eltern von Kurt Tucholsky. Während Vater Alex schon 1905 starb, musste Mutter Doris noch die Nazizeit und den Tod ihres Sohnes 1935 in Schweden erleben und kam schließlich 1942 in Theresienstadt zu Tode. 
 
Ein besonders erschütterndes Denkmal aus der Nazizeit ist das Mahnmal für die "Herbert-Baum-Gruppe". Es handelte sich um eine jüdisch-kommunistische Untergrundorganisation, die 1936 von Herbert Baum gegründet wurden war und zeitweise bis zu 100 Mitglieder hatte. Sie halfen u.a. Juden beim Untertauchen, wobei manchmal auch der unübersichtliche Friedhof als Versteck diente. Nach einem missglückten Brandanschlag auf eine Nazipropaganda-Ausstellung wurde die Gruppe entdeckt und zahlreiche Mitglieder wurden verhaftet und hingerichtet.
 

Wir sind bei unserem Rundgang in der Gegenwart angekommen und der Stil der Grabmale verändert sich wieder deutlich. Hier als Beispiele die Gedenksteine für den Schriftststeller und Bürgerrechtler - zuletzt auch Abgeordneter und Alterspräsident des deutschen Bundestages - Stefan Heym und den ehemaligen amerikanischen Militärrabbiner und späteren Landesrabbiner in Deutschland, Nathan Peter Levinson.

Der Friedhof ist übrigens in der Nazi- und Kriegszeit keinen größeren Verwüstungen ausgesetzt gewesen und konnte stets weiter betrieben werden, was ja auch eine traurige Notwendigkeit war, u.a. wegen der vielen Juden, die in dieser Zeit Suizid begingen. Die Nazis hatten kein Interesse und wohl auch nicht genügend Ressourcen, hier zu wüten. So war es auf der anderen Seite auch möglich, Geflüchteten hier zeitweise Unterschlupf zu gewähren und sogar jungen Leuten eine Ausbildung zum Gärtner zu verschaffen, damit sie einen Beruf vorweisen konnten, was damals nötig war, um nach Palästina auswandern zu können.
Während  der DDR-Zeit wurde der Friedhof arg vernachlässigt und es gab sogar Ansätze, eine Straße durch das Gelände zu bauen. Das war möglich, weil die Gemeinde in den 20er-Jahren eine Streifen ungenutzten Geländes an die Stadt verkauft hatte, die auch damals schon eine Straße bauen wollte. Als der Plan zu DDR-Zeiten wieder aufgenommen wurde, war die noch verbliebene kleine jüdische Gemeinde Ost-Berlins damit zunächst sogar einverstanden und es wurde schon mit den Bauarbeiten begonnen. Auf massiven internationalen Druck hat die DDR-Regierung dann aber von der Realisierung des Vorhabens abgesehen.
So ist heute noch einiges an freier Fläche vorhanden, was für die vor allem durch Zuwanderung aus Osteuropa stark wachsende jüdische Gemeinde auch dringend gebraucht wird. Viele der Grabinschriften sind in kyrillischer Schrift.






Kommentare

  1. Gitti Harre11/4/23 04:08

    Sehr interessant und erschütternd, gleichzeitig..

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  2. Das ist wirklich ergreifende Geschichte pur!
    Tolle stimmungsvolle Fotos!

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